Herzberg - Warum eine Kleinstadt in der Lausitz eine Energiegenossenschaft gründet

Shownotes

Wie kann die Akzeptanz von erneuerbarer Energie gesteigert werden?

Zitat der Folge

»Es frustriert die Leute hier in der Region ungemein, wenn Investoren aus dem Ausland oder aus anderen Teilen von Deutschland hierherkommen, hier Flächen belegen und mit den Flächen vor Ort Geld machen - das frustriert die Bürger und schafft nicht wirklich viel Akzeptanz.«

Jessica Heyde,  Mitarbeiterin im Fachbereich Bauen und Stadtentwicklung der Stadt Herzberg

Episodenbeschreibung

Um die Akzeptanz für erneuerbare Energien zu erhöhen, lohnt es sich zum Beispiel Anwohner*innen am Gewinn der Photovoltaik-Anlagen oder Windräder zu beteiligen. Eine Form, wie das umgesetzt werden kann, sind Bürgerenergiegenossenschaften. Das Konzept? Eine Gruppe von Menschen schließt sich zusammen, um gemeinsam erneuerbare Energie zu produzieren und zu nutzen. Laut dem Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband verband steigt deren Zahl in Deutschland seit 2022, dem Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine und dem damit verbundenen Wegfall russischer Gasimporte. Doch was bringt eine Energiegenossenschaft für eine Kleinstadt außer Energie noch? Warum sich die Kleinstadt Herzberg in Elbe-Elster dafür entschieden hat, so eine Unternehmensform zu gründen, und welche Erfahrungen die Stadt bisher bei der Gründung gemacht hat, darum geht es in dieser Podcast-Folge der Reihe „Strom und Wärme – gemeinsam, bezahlbar, erneuerbar“. Neue Folgen gibt es einmal pro Monat bei „Böll.Regional“.

Unsere Expert*innen

Jessica Heyde •  Mitarbeiterin im Fachbereich Bauen und Stadtentwicklung der Stadt Herzberg

René Kiepisch • Leiter des Fachbereichs Bauen und Stadtentwicklung und stellvertretender Bürgermeister von Herzberg

Weiterführende Artikel und Quellen

• Energiegenossenschaft Elbe-Elster eG: 🔗 [https://www.beg-elbeelster.de/]

• Stadt Herzberg: 🔗 [https://www.herzberg-elster.de/seite/695310/b%C3%BCrgerenergiegenossenschaft-elbe-elster.html]

• Infobroschüre: Auf der Sonnenseite: Einnahmemöglichkeiten aus Solarparks für Brandenburger Kommunen und Anwohner*innen: 🔗[https://www.boell-brandenburg.de/de/2023/12/05/auf-der-sonnenseite]

• Infoblatt: Photovoltaik in Brandenburg: 🔗[https://www.boell-brandenburg.de/de/2022/10/08/infoblatt-photovoltaik-brandenburg]

• Infoblatt: Windkraft in Brandenburg: 🔗 [https://www.boell-brandenburg.de/de/2025/04/23/infoblatt-windkraft-brandenburg]

• Infoblatt: Kommunale Wärmeplanung in Brandenburg: 🔗 [https://www.boell-brandenburg.de/de/2024/06/26/infoblatt-kommunale-waermeplanung-brandenburg]

• Gesetz zur Zahlung einer Sonderabgabe für Photovoltaik-Freiflächenanlagen an Gemeinden (Photovoltaik-Freiflächenanlagen-Abgabengesetz - BbgPVAbgG) vom 31.01.2024: 🔗[https://bravors.brandenburg.de/gesetze/bbgpvabgg]

• Gesetz zur Zahlung einer Sonderabgabe an Gemeinden im Umfeld von Windenergieanlagen (Windenergieanlagenabgabengesetz - BbgWindAbgG) vom 19.06.2019: 🔗 [https://bravors.brandenburg.de/gesetze/bbgwindabgg]

• Wind- und Solareuro werden vom neuen Erneuerbare-Energien-Sonderabgabengesetz abgelöst: 🔗 [https://www.parlamentsdokumentation.brandenburg.de/parladoku/w8/drs/ab_1700/1723.pdf]

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Transkript anzeigen

Jessica Heyde: Alternativer Einstiegston:

Es frustriert die Leute gerade hier in der Region ungemein, wenn, sage ich mal, Investoren aus dem Ausland oder aus anderen Teilen von Deutschland hierherkommen, hier auch Flächen belegen oder, sage ich mal, mit den Flächen vor Ort natürlich auch Geld machen, steht denen ja auch frei, aber das frustriert natürlich die Bürger und schafft nicht wirklich viel Akzeptanz.

Intro-Musik startet

Intro: Um die Akzeptanz für erneuerbare Energien zu erhöhen – zum Beispiel an den Orten, wo Photovoltaik-Anlagen oder Windräder gebaut werden sollen – kann es sich lohnen zum Beispiel Anwohner und Anwohnerinnen am Gewinn der Anlagen zu beteiligen. Eine Form, wie das umgesetzt werden kann, sind sogenannte Energiegenossenschaften. Das Konzept? Eine Gruppe von Menschen schließt sich zusammen, um gemeinsam erneuerbare Energie zu produzieren und zu nutzen. Davon gibt es in Deutschland laut dem Deutschen Genossenschaftsverband seit 2022 – dem Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine und dem damit verbundenen Wegfall russischer Energieimporte - immer mehr. In naher Zukunft gibt es sogar noch eine mehr. Denn: In der Kleinstadt Herzberg in der Region Elbe-Elster in Brandenburg gründet sich gerade eine Genossenschaft. Wie funktioniert es in einer 9000-Seelen-Stadt so ein Unternehmen aufzubauen? Was hat Anwohner:innen dazu motiviert, beizutreten und Anteile zu kaufen? Und was wird die erste Energie-Anlage der Genossenschaft von Herzberg sein? Darum geht es in dieser Folge. Dabei sind: Jessica Heyde, Mitarbeiterin im Bauamt der Stadt Herzberg und treibende Kraft bei der Gründung und René Kiepisch, Verantwortlicher des Bauamts und stellvertretender Bürgermeister der Stadt stellen die Genossenschaft vor. Mein Name ist Klara Fröhlich und ich besuche die beiden im sanierten Bürgerzentrum der Stadt Herzberg, ein roter Backsteinbau, mit einem modernen hellen Anbau mit großen Glasfenstern.

Musik endet

Klopfen, Tür öffnet sich

Begrüßung und kurze Vorstellungsrunde

Klara Fröhlich: Hallo? Klara Fröhlich.

Jessica Heyde: Jessica Heyde. Hallo.

René Kiepisch: René Kiepisch.

Klara Fröhlich: Hallo, schön Sie zu sehen.

Jessica Heyde: Herzlich willkommen hier im Bürgerzentrum im Saal. Mein Name ist Jessica Heyde und neben mir steht mein Kollege Herr René Kiepisch.

René Kiepisch: Ja, hallo, ich bin René Kiepisch. Ich arbeite hier in Herzberg in der Stadt und bin aktives Mitglied der Bürgerenergiegenossenschaft. Und ja, wir möchten Ihnen mal nahebringen, wie unsere Gründung erfolgte, wo wir jetzt gerade stehen, was wir vorhaben. Ja, genau.

Klara Fröhlich: Vielen Dank. Frau Heyde, Was machen Sie denn eigentlich?

Jessica Heyde: Ja, ich arbeite auch in der Stadtverwaltung. Ich bin für den Bereich Hochbau und Klimaschutz zuständig. Vor zwei Jahren war ich nur rein für den Klimaschutz zuständig und habe mich natürlich über so ein Projekt ganz doll gefreut. Der Bürgermeister hat das damals mit angeleiert mit mir zusammen und ja, wir sind sehr stolz darauf, dass das jetzt auch geworden ist.

Klara Fröhlich: Okay, jetzt stehen wir in so einem sehr großen Saal. Ich sehe so eine Art Fischgrätenparkett, alles ist Holz, Fenster, eine Bühne. Spulen Sie doch mal zurück. Der Moment der Gründung, wie war das?, wie viele waren hier?, wie hat es sich angefühlt?

Jessica Heyde: Ja, damals waren, René berichtige mich, aber ich glaube so 120, 130 Leute waren vor Ort. Wir waren da total überrascht, hatten das nicht erwartet, dass so viele Herzberger auch Interesse daran hatten. Und haben da die Gründungsversammlung durchgeführt und es haben dann auch tatsächlich alle Anwesenden unterschrieben und wollten Mitglied in der Genossenschaft sein. Das war sehr, sehr spannend und sehr schön.

Klara Fröhlich: Von Ihnen auch nochmal einen Eindruck, Herr Kiepisch?

René Kiepisch: Ja, gerne. Also wir haben im Vorfeld der Gründungsversammlung viele Beteiligungsformate durchgeführt. Die waren auch schon sehr gut besucht, auch zur großen Freude von uns. Und wir hatten das auch nicht erwartet, dass man so einen großen Zuspruch mit dieser Energiegenossenschaft bekommt und haben dann auch auf die Gründungsversammlung hingefiebert und haben final uns auch sehr gefreut, dass so viele Leute da mitmachen wollen und auch unterschrieben haben und auch nach dieser Versammlung gab es schon viele Anfragen, wo immer noch, wo wieder Leute dabei sein wollten, mitmachen wollten, aber momentan wir die dann vertröstet haben, weil einfach noch ein paar finale Schritte ausstehen bis zur Gründung der Energiegenossenschaft und wir freuen uns auf das, was da noch kommt.

Klara Fröhlich: Könnten Sie vielleicht, Frau Heyde das nochmal kurz einordnen? Also Herzberg ist eine Kleinstadt von 11.000 Einwohnern. Haben Sie, als Sie mal von dem Wort Energiegenossenschaft gehört haben, gedacht, das könnte so begeistern?

Jessica Heyde: Ja, wir sind tatsächlich eine sehr, sehr kleine Stadt, sogar nur 9000 Einwohner, also wirklich sehr klein. Als ich das erste Mal von einer Energiegenossenschaft gehört habe, wusste ich ehrlich gesagt gar nicht, was das ist. Das war vor drei Jahren. Der Bürgermeister und ich waren da sehr umtriebig haben uns mit vielen anderen Städten unterhalten und haben eigentlich nach Möglichkeiten gesucht, wie man die Bürger für erneuerbare Energien begeistern kann. Weil hier vor Ort ist die Akzeptanz ein sehr, sehr großes Problem, wenn es um die erneuerbaren Energien geht. Und irgendwann sind wir dann über das Genossenschaftsmodell gestolpert. Und ich habe das dann weiter vertieft, habe mich da schlau gemacht, habe mit dem Genossenschaftsverband Kontakt aufgenommen, mit anderen Genossenschaften und ja, letztendlich gab es dann einfach mal so eine Initialveranstaltung, wo wir einfach die Bürger gefragt haben: Hey hättet ihr vielleicht Bock drauf, daran teilzunehmen? Wir als Stadt würden teilnehmen, ein bisschen das Organisatorische übernehmen, würden uns schlau machen und würden euch da mitnehmen. Aber letztendlich geht es alles von den Bürgern aus. Das haben wir auch klipp und klar von Anfang an so gesagt. Und die Bürger waren begeistert. Ja.

Klara Fröhlich: Ist das dann per Handzeichen oder wie funktioniert das? Wie haben Sie herausgefunden, wie viel Zuspruch war?

Jessica Heyde: Also wir hatten, diese erste Veranstaltung war auch schon sehr gut besucht, hier auch im Saal übrigens. Waren auch über 100 Bürger vor Ort und wir haben dann eine Liste rumgegeben, eine Interessensbekundung praktisch, das war keine Verpflichtung oder sonstiges, sondern einfach nur: Habt ihr Interesse? Wollt ihr weitere Informationen dazu erhalten? Und da haben sich auch fast alle eingetragen und sind jetzt auch Teil der Genossenschaft.

Klara Fröhlich: Sehr spannend. Also es ist zwar gerade noch beim Entstehen, das ist ja auch eine spannende Phase, glaube ich. Hatten Sie beide sich vorgestellt, dass das doch so, ja: Wie hatten Sie es sich vorgestellt und ist es dann so gekommen?

Jessica Heyde: Also wir hatten ganz am Anfang mal gehört, so eine Genossenschaftsgründung dauert ca. ein Jahr und da dachten wir noch, ach Gott, das dauert doch niemals so lange und das ist ja eigentlich ganz schnell gemacht. Wir haben uns ein bisschen schlau gemacht, auch was man dazu erledigen hat und dachten so nach einem halben Jahr ist die Sache erledigt. Ja, jetzt stehen wir hier zweieinhalb Jahre später. Die Gründungsprüfung läuft noch, das steht also noch aus. Danach müssen wir natürlich noch zum Notar uns eintragen lassen etc. Wir hätten nicht gedacht, dass es so lange dauert. Aber wenn man, ich denke mal, wenn man alle Bürger wirklich mitnehmen will und dort auch immer Termine findet bei so einer großen Gruppe, um da wirklich alle auch mitzunehmen, Projekte zu finden, die ganzen Absprachen zu treffen, ist das doch sehr aufwendig. Aber es bringt viel, es macht auch Spaß. Also wir haben da viele neue Leute kennengelernt, war sehr schön.

Klara Fröhlich: Wissen Sie, wie der Bürgermeister von der Stadt Herzberg darauf reagiert hat? Der vertritt ja auch so ein bisschen die Stadt. Gab es da so... sofort offene Hände oder wie sind Sie da auch einhergegangen mit dieser Funktion?

René Kiepisch: Ja, also unser Bürgermeister, das ist der Carsten Eule-Prütz, der ist immer sehr offen für neue, innovative Sachen und ist immer für solche Sachen ganz schnell zu begeistern, sodass man den dann manchmal auch schon ein bisschen bremsen muss und sagen muss, so schnell geht es dann doch nicht oder das ist doch nicht so was für uns. Aber in dem Fall war er begeistert, hat das extrem mitgetragen, hat sich auch aus meiner Sicht sehr eingebracht und wie Sie schon sagten, ich bin jetzt knapp ein Jahr bei dieser Stadt und vorher war ich auch bei dieser Interessensbekundungsveranstaltung hier als Außenstehender, war vorher schon in der Funktion in der Stadtverordnetenversammlung tätig, habe da schon ein bisschen was mitbekommen, fand das sehr spannend und finde das heute noch spannend und wie gesagt, ich bringe mich da aktiv ein, also ich versuche es zumindest und freue mich natürlich, wenn es dann endlich losgeht.

Klara Fröhlich: Okay, also es gab quasi so die Vorstellung, wie das sein könnte, dann trifft man natürlich auf Schwierigkeiten und Hindernisse, aber Sie haben Ihren Weg so ein bisschen gefunden und jetzt sagen Sie aber, Sie stehen noch kurz vor der Absegnung und das würde mich noch interessieren. Was ist das? Glauben Sie, das ist auch wichtig, dass das geprüft wird, was Sie da machen wollen?

Jessica Heyde: Ja, wir mussten ja mehrere Dokumente zum Genossenschaftsverband schicken. Es ist nun mal ein Unternehmen, das heißt eine Unternehmensprüfung muss da auch erfolgen. Wir wollen ja auch wirtschaftlich handeln und dadurch, wir mussten eben eine Satzung hinschicken, logischerweise. Die haben wir erarbeitet aber auch einen Geschäftsplan für die nächsten fünf Jahre. Und dieser Geschäftsplan beinhaltet natürlich verschiedene PV-Anlagen, Freiflächenanlagen, aber auch Dachanlagen mit unseren Partnern zusammen und diese werden natürlich dann auch geprüft, ob wir denn auch wirklich wirtschaftlich handeln oder nicht und das finde ich auch sehr wichtig. Zieht sich jetzt natürlich ein bisschen, das ist ärgerlich für uns, aber es ist wichtig.

Klara Fröhlich: Okay, dann würde ich vorschlagen wir gehen an einen Ort, wo man vielleicht einen Überblick über eure Energiemaßnahmen bekommen kann. Wir gehen mal symbolisch aufs Dach. Da steht, wenn ich mich nicht täusche auch so ein kleiner Teil von eurer Genossenschaft. Das werden wir dann oben sehen. Los geht's.

Treppengeräusche, eine Tür wird aufgeschlossen

Klara Fröhlich: Also, wir gehen aus einer Tür raus auf ein Dach. Ja, man sieht es hier auch. Genau.

René Kiepisch: Ja, man sieht sie auch.

Klara Fröhlich: Ah ja, wunderbar. Von dem Treppchen sehe ich sie. Ich beschreibe es mal. Photovoltaik - glaube ich - Anlagen. Aber ich frage lieber die Experten. Frau Heyde, was gibt es zu sehen?

Jessica Heyde: Ja, wir sehen hier auf dem Dach eine Photovoltaikanlage, 20 kW Peak von der Größe, von der Leistung. Die haben wir dieses Jahr als Stadt hier errichtet. War ursprünglich geplant, dass wir es mit der Energiegenossenschaft machen. Allerdings hat jetzt die Gründung so lange gedauert, dass wir jetzt als Stadt gesagt haben, jetzt müssen wir. Wir hatten auch Fördermittel dafür bekommen und haben uns dann entschieden, das hier selbst aufzubauen. Aber das ist genau so ein Sinnbild, was die Energiegenossenschaft später machen möchte. Sie will nämlich dann vor allen Dingen Dachanlagen errichten auf kommunalen Gebäuden oder einfach auf Gebäuden mit einem sehr hohen Energieverbrauch, sodass wir die Anlagen auch für den Eigenverbrauch nutzen und nicht komplett ins Netz einspeisen müssen, die Leistung.

Klara Fröhlich: Könnten Sie da kurz sagen, Sie haben sich ja damit beschäftigt Energiegenossenschaften spezialisieren sich dann meistens doch auf ein was oder ist das auch gemischt und warum wollten Sie gerade das machen?

Jessica Heyde: Also wir haben es in der Satzung offengehalten. Wir haben sowohl Strom als auch Wärme mit beinhaltet, aber wir konzentrieren uns gerade am Anfang vor allen Dingen auf den Stromsektor und da vor allen Dingen auf die Dachanlagen oder kleineren PV-Anlagen. Keine großen Freiflächenanlagen, wenn dann kleine. Genau, weil das einfach, ich sag mal, risikoferner ist. (lacht) Oder René, wie würdest du das sehen?

René Kiepisch: Ja, also diese kleinen Projekte bieten einfach die Sicherheit, dass für den Investor oder für den Bürger da auch am Ende eine Rendite steht irgendwo. Das ist ja das Ziel, was man mit einem wirtschaftlichen Unternehmen irgendwann erreichen möchte. Und die Anlagen bieten eigentlich mehr Sicherheit, minimieren das Risiko einfach, dass es dann vielleicht durch Gesetzesänderungen nicht dazu kommt.

Klara Fröhlich: Wie wichtig war denn so auch insgesamt der wirtschaftliche Charakter insgesamt für diese Gründung?

René Kiepisch: Also, eigentlich gar nicht. Also würde ich mal so behaupten. Es gab zwar Nachfragen, wie die Rendite denn aussehen könnte, oder was für Gelder man erzielen könnte und wie lange die Zeit dauert, bis man sich finanziell wieder im positiven Bereich ist. Aber ich persönlich empfand es als überschaubar und von den Leuten sehr-, also die Freude über so eine Genossenschaft und dass jeder beteiligt werden kann und jeder mitmachen kann, überwog eigentlich.

Klara Fröhlich: Und das ist ja auch der springende Punkt so ein bisschen bei dem Projekt, also die aktive Beteiligung von Bürgern aber auch Organisationen, Unternehmen, das ist ja auch offen. Aber wenn ich das jetzt hören würde, wäre ich erstmal noch so ein bisschen, nun ja, es ist noch nicht so konkret für mich. Gab es da Nachfragen, waren Bürger gleich so wie, wie soll das aussehen, oder wie war da das Interesse?

Jessica Heyde: Ja, also ganz am Anfang wussten wir ja selber noch nicht ganz genau, wie wir es umsetzen. Da hat man uns dann auch die Bürgerenergiegenossenschaft aus Teltow-Fläming dazu geholt. Die haben dann mal ihr Geschäftsmodell vorgestellt. Die Bürger waren auch sehr begeistert davon. Das haben wir jetzt auch mehr oder weniger so übernommen. Bei der Gründungsveranstaltung selbst haben wir natürlich das Geschäftsmodell relativ gut auch vorgestellt, auch mit den Partnern mit den zukünftigen. Die weiteren Schritte, also wir werden natürlich da auf der Website und so noch darüber informieren, wie wir dann auch den Geschäftsplan gestalten, so dass sich darüber jeder informieren kann und da nicht blind Geld gibt.

Klara Fröhlich: Okay und wie kann so eine Kooperation aussehen? Also ich als Bürger, was kann ich, gehe ich zu euch und sage ich möchte bei einer Photovoltaikanlage mitfinanzieren oder was gibt es da so? Was sind Ihre ersten Beratungen vielleicht auch?

René Kiepisch: Ja, also letztendlich ist es wirklich so einfach. Also die können wirklich zu uns kommen und sagen, ich möchte mitmachen. Dann kann man Anteile kaufen, wobei momentan ein Anteil glaube ich bei 500 Euro liegt, den man erwerben kann. Und wir erklären dann. Natürlich sind wir offen für Fragen. Also wenn dann Fragen kommen vom Bürger, was macht ihr da, was macht ihr mit meinem Geld, wann geht das los, für was investiere ich oder in was investiere ich überhaupt, dann erläutern wir das natürlich und dann machen wir auch gerne, wenn mehr Leute sind, eine Veranstaltung, haben wir in der Vergangenheit auch gemacht, aber es ist wirklich relativ einfach da mitzumachen und kostet auch nicht viel Zeit. Also wenn man rein investieren möchte bzw. einsteigen möchte in die Genossenschaft, kostet das wenig Zeit. Es sei denn man möchte gern mitmachen, das ist immer schön, wenn es Leute gibt, die sagen, ich mache da auch oben mit, weil das ist ein Riesenproblem, Leute zu finden, die sagen, ich opfere meine Zeit und meine Freizeit für die Energiegenossenschaft, die machen das alle unentgeltlich.

Klara Fröhlich: Ja, darüber spreche ich glaube ich oder würde ich gerne auch noch eine Frage stellen, aber wenn Sie sagen, es war gar nicht so das Wirtschaftliche im Vordergrund, hatten Sie das Gefühl, dann war es auch so ein bisschen, naja, eine Vision für die eigene Stadt oder was könnte da so mit reingespielt haben von der Motivation her?

Jessica Heyde: Ja, das auf jeden Fall. Also es frustriert die Leute gerade hier in der Region ungemein, wenn, sage ich mal, Investoren aus dem Ausland oder aus anderen Teilen von Deutschland hierherkommen, hier auch Flächen belegen oder, sage ich mal, mit den Flächen vor Ort natürlich auch Geld machen, steht denen ja auch frei, aber das frustriert natürlich die Bürger und schafft nicht wirklich viel Akzeptanz. Und dort einfach eine Möglichkeit zu sehen, dass Herzberger was für Herzberg machen, das war so motivierend für die, dass sie da gleich gesagt haben, ja da wollen wir auf jeden Fall mitmachen, egal ob da jetzt zwei Prozent Rendite oder sechs Prozent oder gar nicht rauskommen. Klar sind manche ein bisschen wirtschaftlicher unterwegs als andere, aber die meisten haben wirklich gesagt: Hauptsache wir machen was für unsere Stadt.

Klara Fröhlich: Okay, dann aber doch die Frage, warum dann erneuerbare Energien? So etwas kann man ja auch in anderen Bereichen machen, oder?

Jessica Heyde: Ich glaube, das kam eher aus meiner Sparte, weil ich dann eben im Klimaschutz unterwegs bin, ist es für mich natürlich naheliegend da auch was für die erneuerbaren Energien zu machen. Und ich hatte es davor immer mitbekommen bei anderen Projekten, dass erneuerbare Energien, ob es jetzt Wind oder PV ist, sehr, sehr großen Gegenwind hier in der Region erfahren haben. Und ich habe mich natürlich damit beschäftigt: Warum ist das so? Und daraufhin kam ich dann eben zu der Bürgerenergiegenossenschaft.

Klara Fröhlich: Ja, es gibt ja auch andere Beispiele. Ich denke da so an Windräder in Dörfern, wo die Bürger oder Anwohner direkt beteiligt werden und Geld daraus bekommen, wo die Akzeptanz sehr viel höher ist. Also war das vielleicht auch ein Stück weit ein Vorbild, solche Geschichten?

Jessica Heyde: Ja, das auf jeden Fall. Also wir hatten da auch den Bürgermeister aus Reußenköge dabei, der hat ja die kleinste Gemeinde in Deutschland und die meisten Windkraftanlagen, ich glaube der hat 83 Windkraftanlagen und die gehören alleine nur der Bevölkerung den, den 122 Einwohner, die da wohnen. Das ist so ein Beispiel, das hat den Bürgermeister auch total fasziniert. [Er] hat gesagt, das brauchen wir unbedingt für Herzberg. Ist natürlich nicht immer so einfach zu machen. Das dauert natürlich auch 20, 25 Jahre. Aber das ist so, sage ich mal, das ganz große Vorbild, wo wir einfach gesagt haben, wäre cool, wenn wir da irgendwann hinkommen würden. Und das ist so ein erster Step in die Richtung.

Klara Fröhlich: Ihr habt gesagt, das ist schon auch mit Geldverdienen verbunden. Gibt es aber auch Geld, was ihr dann quasi in die Genossenschaft irgendwie steckt oder wo ihr quasi euch mitfinanziert? Das würde mich noch interessieren.

René Kiepisch: Hauptsächlich finanziert sich die Genossenschaft über die Genossenschaftsanteile, also jeder, der mitmachen möchte, der kann einen gewissen Anteil, Anteile zeichnen bzw. erwerben. Wie gesagt, so ein Anteil kostet 500 Euro, das ist sicherlich nach oben begrenzt und mit dem Geld, das ist eigentlich das Grundkapital der Genossenschaft, kann man Anlagen finanzieren. Das wird dann aufgestockt durch eine Finanzierung von Banken, je nachdem wer uns da ein gutes Angebot macht, der darf dann mitmachen mit uns und darf sich da glücklich schätzen (lachen). Ja, und so finanzieren sich dann die Projekte. Also momentan zum Anfang dann sicherlich kleinere Projekte muss man dann gucken, inwieweit das sich über die Jahre dann steigert, wie erfolgreich man ist, wie viel Geld hat man dann zur Verfügung, wer will noch alles mitmachen. Ja, so eine Frage, die sich stellen. Und so entwickelt sich dann die Genossenschaft weiter und das sieht man ja auch bei den anderen Beispielen, die es schon gibt, wo wir uns auch daran orientiert haben, dass die sich auch extrem weiterentwickelt haben und deswegen auch nicht nur Energie, sondern auch Wärme, weil man nie weiß, wo gehen die Gesetze hin und wo landet man in fünf Jahren und daher wichtig, dass man sich da die Wege offenlässt.

Klara Fröhlich: Finde ich auch sehr spannend. Im Prinzip arbeiten Sie ein Stück weit daran, unabhängig zu werden und vielleicht auch eine eigene quasi erneuerbare Energiesparte für sich zu entdecken, oder? Aber im Prinzip steht das jetzt eher so als Parallelstrang neben dem, was besteht, oder?

Jessica Heyde: Ja genau. Also ich sage mal, dass das große Ziel ist natürlich auch, dass wir hier neue Unternehmen vielleicht sogar ansiedeln, die sich dann auch aus der Genossenschaft vielleicht sogar ergeben, die dann Planung von erneuerbaren Energieanlagen übernehmen, PV-Anlagen oder Windkraft. Das kann sich ja alles entwickeln. Wissen wir nicht zu dem jetzigen Zeitpunkt, aber wir sind einfach gespannt und blicken positiv in die Zukunft und sind damit zufrieden, was wir bekommen.

Klara Fröhlich: Und müsste da aus Ihrer Sicht dann noch was passieren an anderer Stelle, bessere Rahmenbedingungen oder sind Sie da eigentlich zuversichtlich?

Jessica Heyde: Naja, das Thema Energy Sharing hat uns jetzt lange Zeit umgetrieben. Da gab es ja jetzt vor kurzem einen Entwurf dazu oder einen Beschluss, allerdings fehlen da noch ein paar Details meiner Meinung nach. Energy Sharing beschreibt die Möglichkeit, dass man jetzt Gebäude A eine große PV-Anlage errichtet und Gebäude B könnte diesen Strom mitnutzen. Das geht ja momentan eigentlich noch nicht, weil man nicht über die Flurstücksgrenzen hinaus Strom verkaufen kann/darf, ist auch verständlich, aber EU-weit gibt es dieses Gesetz schon. Und Deutschland hing da so ein bisschen hinterher und wir würden uns das natürlich super vorstellen können für eine Bürgerenergiegenossenschaft, wenn wir jetzt sagen, wir würden auf einer großen Ackerfläche mit den Landwirten abgestimmt eine PV-Anlage errichten und könnten dann damit unsere Genossenschaftsmitglieder versorgen oder wenigstens einen finanziellen Vorteil verschaffen.

Klara Fröhlich: Okay. Es ist ja teilweise auch noch sehr föderal gelöst, wie Strom oder was die Strompreise sind- auch so ein Thema. Aber gut, ihr seht viele Perspektiven und im Prinzip ist es vom Ansatz her, glaube ich einer, der funktionieren kann und das ist einfach was, was ihr ausprobieren wollt langfristig, oder? Also die Dimension, in der ihr denkt, würde mich interessieren.

René Kiepisch: Also momentan wäre ich sehr glücklich, wenn wir an der Stelle sind, dass wir unser erstes Projekt, sage ich mal, aufs Dach bringen oder auf die Freifläche bringen. Und ich glaube, das würde einfach auch noch viel mehr Leute motivieren bei uns mitzumachen, wenn man dann sieht, es passiert was. Momentan ist leider so eine kleine Durststrecke mit der Prüfung der Unterlagen an uns herangetreten und ja. Also Dimensionen, in denen wir denken, also momentan natürlich erstmal relativ klein. Wir suchen natürlich Projekte. Das ist manchmal schwierig, manchmal ein bisschen, manchmal ist es leicht und wir hoffen natürlich auf größere Projekte auf Freiflächen, die man gestalten kann und natürlich mit der Vision, dass jeder, der hier lebt, halt von dieser Sache was hat, ob das eine Rendite ist oder einfach einen günstigen Stromtarif.

Klara Fröhlich: Und dann diese Anlagen selber, bestimmen dann aber Sie, wo die sind oder kann man das auch als Bürger mitgestalten?

René Kiepisch: Also gerne, das ist ja eine Genossenschaft und in der Genossenschaft hat jeder Stimmrecht und jeder Mitspracherecht und jeder, wenn er eine Idee hat und die ist umsetzbar, beziehungsweise er hat Vorabsprachen getätigt mit irgendwelchen Eigentümern, kann man das umsetzen an jeder Stelle, die man möchte, wenn es der Gesetzgeber dann hergibt.

Klara Fröhlich: Wie schafft man es da auch immer alle mitzunehmen Das fände ich noch ganz interessant

Jessica Heyde: Also wir hatten jetzt geplant so monatlich oder alle zwei Monate so einen kleinen Newsletter zu machen, wo wir dann auch vorstellen, was haben wir geschafft, wo stehen wir gerade. Der ist jetzt natürlich noch nicht gestartet, weil wir noch gar keine Gründungsprüfung haben, aber wird demnächst. Dann werden wir natürlich auf der Homepage auch regelmäßig alles online stellen und ich denke auch im „Herzeiger“, also in unserem Amtsblatt, werden wir auch ab und zu ein paar Artikel verfassen, dass man auch die älteren Leute erreicht. Und Social Media natürlich auch bedienen. Facebook haben wir jetzt erstmal vorgesehen.

Klara Fröhlich: Okay, prima. Mich würde noch interessieren, gibt es ein Projekt, das ganz konkret in den Startlöchern steckt und welches ist das?

Jessica Heyde: Wir sind an mehreren Projekten dran. Wir wollen zusammen mit dem HWAZ, dem Herzberger Abwasserzweckverband, PV-Anlagen errichten, weil die natürlich einen sehr hohen Strombedarf haben - in der Kläranlage, im Wasserwerk. Und dort wollen wir dann eine kleine PV-Freiflächenanlage von 135 kW Peak errichten, die dann einen ganz, ganz kleinen Teil des Eigenbedarfs vom HWAZ auch deckt. Und davon haben dann beide Seiten was, weil wir natürlich als Genossenschaft die Anlage bauen und darin investieren. Und die Stromeinsparungen, die sich daraus ergeben, werden dann 50-50 geteilt. Das heißt, der HWAZ hat keine Investitionskosten aber Stromeinsparungen und wir können die Anlage refinanzieren und in einem Zeitraum von 20, 25 Jahren dann auch Gewinne erwirtschaften.

Klara Fröhlich: Das ist ein super Beispiel für Synergien. Also damit können wir eigentlich fast schon enden.

Klara Fröhlich: Vielen, vielen lieben Dank. Also ich habe das Gefühl, das wird was ganz Tolles.

Jessica Heyde: Ja, vielen Dank für das Gespräch und Ihr Interesse und wir hoffen, dass sich viele Freiwillige dann auch noch melden für unsere Bürgerenergiegenossenschaft.

René Kiepisch: Ja, vielen Dank auch von mir und wie gesagt, wir haben eine Internetpräsenz von der Bürgerenergiegenossenschaft Herzberg. Gerne besuchen, gerne reinschauen und wer mitmachen möchte, muss nicht in Herzberg wohnen, der kann auch ganz woanders wohnen und mitmachen.

Outro: Damit endet diese Podcast-Folge zur Energiegenossenschaft. Zum Thema erneuerbare Energie und/oder Energiewende findet ihr Informationen auf der Webseite der Heinrich Böll Stiftung sowie der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg. Links zum Thema Energiewende und zu allem, was in dieser Folge besprochen wurde, sind in den Shownotes dieser Episode zu finden.

Das war eine Folge aus der Reihe „Böll“. Diese Reihe und alle weiteren Podcasts der Heinrich Böll Stiftung könnt ihr auf Spotify, Apple Podcast, oder der Podcast-App eurer Wahl abonnieren. Für Feedback und Kritik schreibt uns eine Mail an podcast@boell.de und empfehlt uns auch gerne weiter.

Diese Folge ist eine Produktion der „Podcastproduzenten“. Mein Name ist Klara Fröhlich und ich bedanke mich fürs Zuhören.

Jingle „Böll . Ein Podcast der Heinrich Böll Stiftung.“

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